Vergleicht man in einer Betrachtung des gesamten Lebenszyklus den Energie- und Ressourcenverbrauch bei Abriss und Neubau eines Hauses mit der Weiternutzung eines bestehenden Gebäudes, dessen Sanierung, Um- und Weiterbau, schneidet der Bestandsbau deutlich besser ab.

Der Begriff umfasst den nicht erneuerbaren Primärenergiebedarf eines Gebäudes und der Baustoffe über die gesamte Lebensdauer.
In der Lebenszyklusanalyse werden neben den Kosten für die tatsächliche Nutzung die Aufwände in den Phasen der Herstellung und Errichtung sowie der Entsorgung und Rückgewinnung von Material berechnet.
Dieser vor- und nachgelagerte Energieaufwand wird als grau bezeichnet, weil er sich nicht aus der jährlichen Heiz- oder Stromkostenabrechnung herauslesen lässt.
Die Vorteile der Bestandserhaltung liegen auf der Hand: Beim Bauen im Bestand werden vorhandene Bauteile wie Fundamente, Wände oder Dächer weitergenutzt, Baumaterialien eingespart und Abfälle minimiert.
CO2-Emissionen bei der Herstellung neuer Produkte entstehen erst gar nicht.
Zudem verhindert der Verzicht auf die Erschließung von Neubauflächen die zusätzliche Bodenversiegelung, fördert den Wasserkreislauf und schützt natürliche Lebensräume.
Bauen im Bestand ist eine komplexe Querschnittsaufgabe mit vielen Beteiligten. Sie umfasst alle baulichen Eingriffe an bestehenden Gebäuden und erfordert bautechnisches Wissen, konstruktive Erfahrung und gestalterische Kompetenzen ebenso wie die Kenntnis der Baugeschichte, des Baurechts und der aktuellen Förderpolitik.
Beim Bauen im Bestand werden drei Grundformen unterschieden

Instandsetzung
Beseitigung oder Prävention von Schäden an der Bausubstanz zur Sicherstellung der Gebrauchstauglichkeit und des Werterhalts
Modernisierung
Erhöhung des technischen und energetischen Standards, etwa durch Grundrissoptimierungen, neue Haustechnik oder Dämmmaßnahmen
Umbau, Erweiterung, Ausbau
Strukturelle Eingriffe durch veränderte Nutzungsanforderungen wie Anbauten, Aufstockungen oder Ausbau ungenutzter FlächenNeben den ökologischen Vorteilen kann Bauen im Bestand für Bauherren ökonomisch attraktiver sein als ein Neubau, insbesondere wenn die tragende Struktur erhalten bleibt. Der reduzierte Materialeinsatz und die potenziell kürzere Bauzeit können die Kosten senken. Wenn ältere Gebäude durch den Einsatz erneuerbarer Energien ertüchtigt werden, sinken folglich auch die Kosten für Heizen und Kühlen.

Leer stehende Büroflächen, veraltete Handelsimmobilien oder ungenutzte Verwaltungsgebäude können umfassend saniert und gezielt umgenutzt werden.
Das hat entspannende Effekte auf dem Wohnungs- und Gewerbeimmobilienmarkt – ohne die Versiegelung weiterer Flächen.
Und für Architekten verändert sich das Aufgabenfeld: umbauen und weiterbauen heißt verändern, verbinden, öffnen und erweitern statt abreißen.
Architekten sind Transformatoren und schaffen eine bessere Nutzung.„Der Traum vom ewigen Wachstum ist geplatzt. Reduktion ist keine modische Attitüde, sondern Überlebensnotwendigkeit. Wir brauchen eine neue Kultur des Pflegens und Reparierens.“ Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA in seinem Manifest für klimagerechte Architektur „Das Haus der Erde“
Ob sich die Transformation lohnt, hängt von einer umfassenden Bestandsbewertung durch Baufachleute ab. Wie lange hält das Gebäude noch? Wie gut ist die Bausubstanz? Wie viel Aufwand kostet die sichere Integration moderner technischer Ausstattung?

- Energetisch effiziente Maßnahmen zahlen sich ökologisch und ökonomisch aus – und werden gefördert
- Passive Energiegewinne können auch in Bestandsbauten gesteigert werden und sollten in die Planung einfließen
- Alle Materialien sind im Hinblick auf Kombinationsfähigkeit und Ökobilanz zu wählen
- Die Fähigkeit zur Wiederverwendung bzw. zum Recyceln der einzelnen Baustoffe muss immer geprüft werden
- Ökonomisch zu bauen, heißt, die Kosten für Erstellung, Transport und Entsorgung in die Berechnungen einzubeziehen
Zertifizierung auch für Sanierung
Im Neubausektor ist das Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) zum gängigen Instrument für die Inanspruchnahme von staatlicher Förderung und für Steuererleichterungen geworden. Das Siegel bietet auch bei der Sanierung eine Reihe von Vorteilen: Es bescheinigt die ganzheitliche Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit des Gebäudes, sichert seine Qualität und verschafft auch hier Zugang zu Fördermöglichkeiten.

Ein anerkanntes Bewertungssystem wie das der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) oder das Qualitätssiegel Nachhaltiger Wohnungsbau (NaWoh) stellt Zertifikate für eine Komplettmodernisierung aus, die seit 2023 über QNG gefördert wird. Dadurch wurden für die Sanierung Bedingungen geschaffen, die mit dem Neubausektor vergleichbar sind.
Da die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen in der Transformation des Gebäudebestands eine Schlüsselrolle für das Erreichen nationaler, europäischer und globaler Nachhaltigkeits- und Klimaschutzziele sieht, hat sie ein Bewertungssystem für ganze Bestandsquartiere entwickelt, das DGNB System Quartiere, Bestand und Sanierung, Version 2026.
Business- und Stadtquartier, Industriestandort und Gewerbegebiet strukturieren den städtischen Alltag. Daher ist es von enormer Wichtigkeit, sie als Gesamtheit nachhaltig und zukunftssicher zu gestalten, zu erhalten und weiterzuentwickeln. Mit diesem DGNB-Planungs- und Optimierungstool werden bestehende Quartiere bewertet und Transformationspotenziale aufgedeckt. Einige Maßnahmen, die bei einer Zertifizierung umgesetzt werden, können über die KfW anteilig gefördert werden.